„Wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben“ – Rückblick auf „Tierisch on Tour“

Handballszene aus "Tierisch on Tour"

(c) Thomas Bartilla

„Worüber würdet ihr gern ein Stück machen?“ Diese Frage stand am Anfang des Kinderopernjahres 2016 mit dem Ziel, die knapp 30 beteiligten Kinder im Alter von 8-12 Jahren aktiv in die Konzeption der aktuellen Produktion einzubinden. In ersten Improvisationsübungen kristallisierte sich heraus, dass die Aspekte Fremd-  und Ausgeschlossenheit nicht nur gegenwärtig viele Debatten von Erwachsenen bestimmen, sondern auch in der kindlichen Lebenswirklichkeit präsent sind – sei es durch Bekanntschaft mit Flüchtlingskindern oder durch Mobbing.

Korea-Szene aus "Tierisch on Tour"

(c) Thomas Bartilla

Viele Geschichten befassen sich mit den Motiven Flucht und Suche nach einem besseren Leben. Als Adaption für ein Musiktheaterstück eignet sich das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten besonders gut, da es den meisten Kindern wie Erwachsenen vertraut ist. Darüber hinaus weist dieser Stoff eine ausgeprägte Affinität zu Musik und Theater auf – bekanntlich beschließen die Tiere, sich als Musiker ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die Räuber schlagen sie mit einer gruseligen Inszenierung in die Flucht. Neben dem Aspekt der Freundschaft begeisterten sich die Kinder für die Darstellung der Tierfiguren mit der Möglichkeit, prägnante Charakterzüge herauszuarbeiten und auf der Bühne in Bewegung, Gestik, Mimik und Kostüm umzusetzen. Der Schluss des Märchens stieß beim Ensemble allerdings auf Vorbehalte: Es sei doch eigentlich nicht richtig, dass die Tiere ihrerseits Unrecht begehen, indem sie die Räuber um deren Haus bringen. So stand für Kinder wie Künstlerpädagogen rasch fest, sich zwar an der bekannten Geschichte der Stadtmusikanten zu orientieren, aber „nicht bloß das Märchen“ auf die Bühne zu bringen.

Die vier Bremer Stadtmusikanten auf ihrem Weg

(c) Thomas Bartilla

Unter den vielen Quellen zu den Bremer Stadtmusikanten – deren Geschichte heute vor allem durch die Brüder Grimm bekannt ist, sich in Variationen aber auch in anderen Ländern findet –  existiert auch eine alternative Schlussfassung. Darin bitten die Tiere die Räuber um Aufnahme und bieten als Gegenleistung ihre Musik an. Gemäß Theodor W.  Adornos Diktum, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, wird daher in Tierisch on Tour nach dem glücklichen Ende für wenige die Zeit kurzerhand noch einmal zurückgedreht, um ein Happy End für alle zu ermöglichen.

Katzenszene aus "Tierisch on Tour"

(c) Thomas Bartilla

Ferner stand fest, die Handlung auf mehrere Szenen auszudehnen, um die Suche der Tiere nach einer neuen Heimat anschaulicher zu gestalten und den jungen Künstlern Gelegenheit zu bieten, eigene Szenen zu entwickeln. Den tragischen Hintergrund der Suche der Tiere nach einer neuen Heimat kontrastierten sie mit der Reise von zwei unbedarften Touristen, die kein kulturelles Fettnäpfchen auslassen. So entstand eine Tour rund um den Globus mit musikalischen Portraits unterschiedlichster Länder, aber auch mit der Fragestellung, welche Stereotype unsere Vorstellung von anderen Ländern bestimmen und welche Bilder im Gegenzug von uns in der Welt kursieren. Zu hören sind neben Volksliedern aus verschiedenen Ländern auch eigens komponierten Motive und Geräuschmusiken sowie Melodien aus klassischer Musik und Jazz. Auch die Dialoge wurden von verschiedenen Vorlagen inspiriert, darunter Lyrik von Christian Morgenstern und Nelly Sachs; einen Großteil der Texte konzipierten die Kinder allerdings selbstständig.

Alle Sparten des Gesamtkunstwerks Musiktheater waren vertreten, was den Kindern die Gelegenheit gab, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren und weiterzuentwickeln, sei es durch Mitwirkung im Orchester, Gesang, Tanz oder Darstellendes Spiel. Die Konzeption von Tierisch on Tour steht damit exemplarisch für die Faszination und Herausforderung von Musiktheater als einzigartigem Gemeinschaftserlebnis, das Empathie und Toleranz fördert.

Gruppenbild Ensemble "Tierisch on Tour"

(c) Thomas Bartilla

So entstand inspiriert vom Märchen der Bremer Stadtmusikanten die Road Opera Tierisch on Tour. In einem monatelangen Probenprozess entwickelten und prüften die Kinder Ideen diskutierten und realisierten schließlich gemeinsam mit den Künstlerpädagogen ihr ganz persönliches Musiktheaterstück. In drei ausverkauften Vorstellungen im Kulturhaus Karlshorst begeisterten sie ihr Publikum, darunter viele Familienangehörige sowie Freunde und Mitschüler, mit einer turbulenten Reise durch die Welt- und Musikgeschichte.

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